Ist es nicht ein beeindruckendes Bild? - Im Dunkel der Nacht eine erleuchtete Kirche, festlich geschmückt, der Duft von Weihrach liegt in der Luft.
Auf dem Altar ausgesetzt der Herr in der Gestalt von Brot - eingefasst in die goldene Monstranz, das Zeigegefäß des eucharistischen Brotes.
Leise aber festliche Orgelklänge umrahmen die feierliche Stunde und erheben die Seele zum himmlischen Altar.

Musik: BWV.179 : Cantata "Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei"
>>Text der Kantate<<

Die Entscheidung, Priester zu werden, lag irgendwo in meiner Kindheit und Jugendzeit. Durch einige Umwege jedoch gelangte ich in dieses "heilige Haus" in Paderborn, das Leokonvikt oder offiziell "Collegium Leoninum".
Mein Leben würde neu, so schien mir!

Was wird mich in der Zukunft erwarten? Kann ich so heilig werden, wie die anderen Studenten hier im Haus? Werde ich auch solch ein großes Vorbild für die, die nach mir kommen? Was passiert mit meiner <Sexualität> ? Wie werde ich ein Priester - ein unerreichbarer Olymp?

Diese und ähnliche Fragen schossen auf mich ein, als ich gegen Ende September 1999 mein Zimmer im Leokonvikt bezog. Ich war vor den Anderen da, weil mein Studium an der Katholischen Fachhochschule 2 Wochen vor dem meiner zukünftigen Mitbrüder begann.

Ich hatte mir meine "Zimmereinrichtung" mitgebracht, eigene Bettwäsche, Bücher, Stereoanlage und so allerhand kirchliches und sakrales "Sammelsurium". Mein Zimmer avancierte später, so sollte ich lernen, zum Treff- und Sammelpunkt, weil die meisten Studenten gerade mal ein paar Bücher, Wäsche und evtl. ein eigenes Kreuz und eine Kerze mitgebracht hatten.

Die Rahmenordnung für die Priesterausbildung sah für den ersten Bildungsabschnitt unter Anderem folgende Punkte vor:

@ Die Studenten brauchen entsprechend ihrer persönlichen Entwicklung Hilfen, die in das geistliche Leben einführen, es entfalten und vertiefen. Dabei soll die Berufung geklärt und zur Entscheidung geführt werden.
@ Das Studium in der ersten Bildungsphase soll dem künftigen Priester ein gediegenes und umfassendes Grundwissen in den theologischen Disziplinen vermitteln und ihn befähigen, an der wissenschaftlichen Reflexion verstehend und - entsprechend den späteren Berufsanfordungen - selbständig teilzunehmen und diese Reflexion für das eigene geistliche Leben sowie für den pastoralen Dienst fruchtbar zu machen.
@ Die gesamte Ausbildung muß dahin zielen, die Priesterkandidaten nach dem Vorbild Jesu Christi, des Lehrers, Priesters und Hirten, zu formen und sie vorzubereiten auf den Dienst am Wort, den Dienst der Liturgie und den Dienst des Hirten. Auf dieses pastorale Ziel müssen alle Bereiche der Bildung hingeordnet werden, die Hilfen zum geistlichen Leben und zur menschlichen Reifung ebenso wie das ganze Studium der Theologie.


Um Himmels Willen! Das sollte auf mich zukommen?

Als "Hilfen" für das geistliche Leben standen uns der Direktor, zwei Präfekten und zwei Spirituale zur Seite, von denen letztere für das innere, rein geistliche Leben (forum internum) und die ersten drei für das äußere, organisatorische und entscheidungsrelevante Leben (forum externum) zur Verfügung standen.
In den ersten Wochen hatten wir Exerzizien (Einkehrtage) und Orientierungstage, die uns das Einleben in diesem 150-Zimmer - großen Haus erleichtern sollten.
Die Tutoren, ältere Mitstudenten, die uns das praktische Leben im Konvikt erklärten und vorleben sollten, gaben sich alle Mühe, uns in das Haus und seine Gemeinschaft einzuführen.

Leo Innenhof

Im ersten Semester hatten wir dann einen Semestertag (thematisches Wochenende mit einem von der Hausleitung bestimmten Priester der Diözese) zum Thema Sexualität. In der Priesterausbildung darf gerade dieses Thema nicht unbehandelt bleiben, da sich die Priester ja zum Zölibat (und damit zu einem ehe- und nimmt man es ganz ernst, dann auch in letzter Konsequenz sexlosen Leben) entscheiden.

Meine eigene Problematik stellte ich dabei für mich in den Vordergrund (natürlich - und so sollte es ja auch sein). So sprach ich mit dem uns anvertrauten Priester über meine Veranlagung und über das, was mich bedrückte. Anstelle eines seelsorglichen Gespräches und einer Ermutigung hin zum zölibatären Leben, bekam ich den Rat, auf der Stelle das Leokonvikt zu verlassen und mir einen anderen Beruf zu suchen. Danke! Da habe ich mich mein ganzes Leben auf das "Priesterwerden" gefreut, und dann so etwas! (Ich kann bis heute nicht verstehen, warum dieser Priester nicht mit etwas Feingefühl und seelsorgerischem Verständnis mein "Problem" erkennen konnte, schließlich wollte ich ja Priester werden, egal ob ich schwul bin oder nicht. Aber was verlange ich auch von Priestern, die in einer kleinen Wallfahrtsgemeinde in der Nähe von Paderborn sitzen und dort ein behütetes Leben führen...)

Nun stand ich ganz alleine da - Zumindest dachte ich das...
Zwei Jahre lebte ich im Leokonvikt und vermied es, in irgendeiner Weise als schwuler Mensch aufzufallen.
Als mein Kurs dann in das Freisemester (externe Studiensemester an anderen Fakultäten) gingen, entschied ich mich, mir ein Zimmer in der Stadt zu suchen, da man nach 2 Jahren "Zucht und Ordnung" in einem katholischen Haus auch die Freiheit des Lebens kennenlernen will.

Mein damaliger Direktor half mir, ein günstiges aber zentral gelegenes Zimmer in der Stadt zu finden. Dort sollte ich jetzt 1 1/2 Jahre leben. Ein 18 quadratmeter großes Zimmer im Obergeschoss eines wunderschönen Hauses mitten in Paderborn.
Während dieser Zeit lernte ich meinen ersten richtigen Freund kennen - Johannes.
Wir trafen uns meist bei mir oder in der Nähe seiner Heimat, da seine Eltern bis dahin noch nichts von seiner "tragischen Veranlagung" wissen sollten.

Nachdem ich in dieser Zeit mein Diplom an der Katholischen Fachhochschule erlangt hatte, ging ich aus studientechnischen Gründen an die katholische Fakultät der Universität Passau und zog ins dortige Priesterseminar ein.

Johannes ging mit mir nach Passau, er hatte geregelt, dass er dort seinen Zivildienst machen konnte.

Plötzlich erfuhr ich auch von einem meiner Studienkollegen, dass er die gleiche Veranlagung hatte, wie ich. Sollte es doch Theologen geben, die schwul sind? Studenten, die den gleichen "Leidensweg" zu druchschreiten hatten, wie ich es musste? Sicher hatte man in Paderborn gemunkelt und getuschelt, dass es solche Exemplare geben sollte, aber ich hatte dem aufgrund einer rasant brodelnden Gerüchteküche kein Gewicht zugemessen. Es freute mich also dann, nicht der Einzige zu sein.

Die Freude über ein ebenso seltsames Exemplar, wie ich es bin, flaute allerdings rasch ab, da meine Mitbrüder in Passau ein nicht sonderlich ausgeprägtes Toleranzbewußtsein gegenüber Schwulen mitbrachten.

So begann eigentlich ein viel schwierigeres Kapitel meines Weges zum priesterlichen Dienst.

Unser Direktor in Paderborn hatte einmal einen Vortrag über den Sinn und die Schönheit der Liturgie und der innerer Beziehung des Priesters zur Liturgie und zur Ausstattung der Kirche gehalten - das kam meiner inneren Einstellung sehr nahe. Ich liebe diese alten Gewänder, goldene Kelche, großen Kerzen und archaisch anmutenden Gesänge.
Dadurch konnte ich mir in Passau im Priesterseminar das Küsteramt "erwerben". Ich bin förmlich aufgeblüht. schöne Decken auf dem Altar, herrliche Blumengestecke, goldene Messgewänder und schöne "Messzutaten" waren mein Leben. Mein innerer Konflikt, mein Zwiespalt vom Schwulsein hin zum Priester machten mir Angst, so dass ich einem eventuellen Voranschreiten in meinen Studien alles Andere als Bedeutung zumaß. Ich hatte Angst.

So musste es kommen, dass ich meine Prüfungen nicht bestand. Und das gleich zwei mal. Aus! Ganz aus - der Traum, Priester zu werden.

In all meiner Not wandte ich mich an einen Priester aus Paderborn, der mir durch seine Fürsprache beim Erzbischof von Paderborn ermöglichte, nach Paderborn ins Leokonvikt zurückzukehren. Mit sehr gemischten Gefühlen natürlich!
Trotzdem kam ich dann 1995 zurück ins Leokonvikt nach Paderborn.

Der Blick aus meinem Fenster im Leo

Ich bezog mein Zimmer und versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, das Studium. Nochmal dürfte ich mir das nicht erlauben, eine Prüfung in den Sand zu setzten, denn dann wäre wirklich Ende gewesen.

Meinen Freund Johannes hatte ich immer noch. Er studierte zwischenzeitlich in Marburg, kam aber so oft wie möglich nach Hause, nach Ostwestfalen, und besuchte mich dann. Wir führten eine Art "Wochenendbeziehung".

Mit geschärften Augen und geschulterem Blick, was Schwulsein angeht, versuchte ich nun aber auch in Paderborn, Leidensgenossen zu finden.

Siehe da, nach wenigen Wochen eröffnete mir ein Studienkollege, dass er schwul sei und das Selbe auch von mir vermuten würde. Mir fiel ein Stein vom Herzen.- Die Problematik war dadurch trotzdem nicht gelöst. In der folgenden Zeit kamen immer mehr Mitbrüder dazu, die mir ähnliches eröffneten, wie der erste. Zu guter Letzt hatte ich mit 25!!! Leuten gesprochen, die die gleiche Veranlagung hatten. Das war zu der Zeit ein gutes Drittel der im Leokonvikt wohnenden Studenten. Einigen davon sind heute Priester in der Diözese Paderborn, andere haben von sich aus das Studium "geschmissen", wieder andere wurden wegen ihrer Neigung aus der Theologenschaft, und somit aus dem Leokonvikt "entfernt".
Die Angst, sich verstecken zu müssen, und die Arbeit, die ich investieren musste, um unentdeckt zu bleiben, raubten mir letzztlich alle Kräfte, die ich eigentlich für das Studium hätte verwenden sollen.

Oh jemine

Heute ist man übrigens von ofizieller Seite davon überzeugt, dass man diese Problematik (schwule Studenten in kirchlichen Ausbildungshäusern) im Griff hat, und man glaubt, zumindest in Paderborn, dass es "solche Leute" nicht mehr gibt.
Ich wäre mir dieser Sache gar nicht so sicher :-) Traf ich doch vor einiger Zeit kurz vor seiner Weihe einen der Kandidaten für das priesteramt an einem sehr prekären Ort in einer noch viel prekäreren Situation...

Es "trieb" mich um. Die Suche nach dem "Anonymen", nach dem "Schnellen" und "Unverfänglichen" beruhigte mich (zumindest glaubte ich das) und wiegte mich in Sicherheit.
Johannes musste darunter leiden! Und nicht nur der, sondern unsere gesamte Beziehung. Nachdem er wusste, was mit mir und in mir vorging, hat er die Beziehung nach 7 Jahren beendet. Es tut mir jetzt noch leid, dass ich ihm so weh getan habe.

Eine Woche nachdem wir uns getrennt hatten, habe ich den Entschluss gefasst, diesem meinem verlogenen und unehrlichem Lebenswandel ein Ende zu setzten und bin aus der Theologenschaft ausgetreten. Zu Viele Enttäuschungen hatte ich in der Zeit meiner Studien erlebt, zu viele Niederlagen als Resultat meines Lebens.

Dem Leokonvikt trauere ich nicht nach, aber der trotzdem manchmal schönen Zeit im geborgenen Raum der Kirche.

Heute, nach einigen jahren trauere ich dieser Zeit nicht nach, habe ein eher ambivalentes Verhältbis zur Kirche (was manche Personen und Ämter angeht), versuhe dennoch meine Liebe zu Gott zu leben und hardere oft mit mir selbst und mit Gott - Denke bei diesen "Kämpfen" oft an eine der ersten Vorlesungen meines Studiums, dort thematisierte der damalige Professor Klaus Holllmann die Geschichte von Jakom am Jabbok. (Gen 32,22-31) Ich hoffe, dass auch ich den Segen Gottes bekomme, wenn ich auch den Eindruck habe, dass die Kirche mir ihren Segen verwehren möchte, aber Gott ist der, der den Segen spendet und er ist nicht nur auf seine ofiziellen Diener angewiesen.

"Wie viel Schmutz es in der Kirche gibt, sogar unter denen im Priesteramt, sollte allein Seine Sache sein. Wie viel Stolz, wie viel Selbstgenügsamkeit."


Kardinal Ratzinger (jetzt Papst Benedikt XVI)
beim Karfreitagsgottesdienst 2005

Es handelt sich bei diesem Text nicht um eine Abrechnung mit der Kirche oder einer ihrer Institutionen. Es handelt sich um meine Eindrücke und meine Erfahrungen, dich ich gemacht habe. Subjektiv und ohne Schwarzmalerei.
Den Text werde ich, immer wenn ich Zeit und Lust habe, vervollständigen, da es sich um einen langen Zeitraum handelt, den ich beschrieben habe. Vieles ist noch in mir und drängt danach niedergeschrieben zu werden.

In Übereinstimmung mit dem Dekret von Papst Urban VIII. und mit der Bestimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils erklärt der Autor dieser Seiten, dass er das Urteil der Kirche, nicht vorwegnehmen will. Alle Berichte auf diesen Seiten haben den Wert eines menschlichen Zeugnisses.